Conterganstrafprozeß

Am 18. Januar 1968 wurde das Hauptverfahren vor der Strafkammer des Landgerichts Aachen gegen die verantwortlichen Leiter und Angestellten Grünenthals eröffnet.

Wegen des großen öffentlichen Interesses fand der Strafprozeß in den Casino-Betrieben der Grube Anna in Alsdorf bei Aachen statt.

Angeklagt wegen vorsätzlicher bzw. fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung waren der damalige Grünenthaleigentümer Hermann Wirtz, der ehemalige wissenschaftliche Direktor und Diplom-Chemiker Dr. med. Heinrich Mückter, der ehemalige Geschäftsführer Jacob Chauvistré, der ehemalige kaufmännische Leiter Hermann Josef Leufgens, der ehemalige Prokurist und Vertriebsleiter Klaus Winandi, der ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter, und frühere Abteilungsleiter Dr. med. Gotthold Erich Werner, der ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter Dr. med. Günter Sievers, der ehemalige Arzt, früherer Abteilungsleiter Dr. med. Heinz Wolfgang Kelling und der ehemalige Prokurist Dr. rer. nat. und Dr. med. Hans Werner von Schrader-Beielstein.

Die Anklage vertrat der Oberstaatsanwalt Dr. Josef Havertz.

Die Nebenklage der Eltern wurde vertreten von Herrn Rechtsanwalt Dr. Dr. Rupert Schreiber und dem Rechtsanwalt Karl-Hermann Schulte-Hillen. Rechtsanwalt Dr. Dr. Rupert Schreiber war Privatdozent für Rechtswissenschaft an der Universität Köln. Rechtsanwalt Karl-Herrmann Schulte-Hillen war selbst Vater eines contergangeschädigten Kindes.

Durch ihre teuer bezahlte Lobby nahm Grünenthal Einfluß auf das Strafverfahren.

Die begleitend zum Strafverfahren berichtende Presse wurde massiv manipuliert, um der Öffentlichkeit die für die Grünenthal negativen Ergebnisse der Beweisaufnahme zu verheimlichen. So wurden für den Prozess akkreditierten Journalisten Weihnachtspäckchen ins Haus geschickt, ausgewählte Journalisten wurden zum Interview mit einem der Hauptangeklagten in Ausland eingeladen. Waren besondere Vorlieben der Journalisten bekannt wurde hierauf selbstverständlich Rücksicht genommen z.B. durch ausgedehnte Segelreisen. Auch besuchten die Mitarbeiter der Presseabteilung der Chemie Grünenthal regelmäßig die Redaktionen der berichtenden Zeitungen. („Der dreifache Skandal“, S. 119/120).

An Ärzte und Apotheker wurde regelmäßig die Publikation „Grünenthal informiert“ verschickt, in der über den Prozess einseitig aus Grünenthals Sicht berichtet wurde. Autor dieser Presseinformation war just ein Journalist, der gleichzeitig auch als freier Journalist für den Prozess akkreditiert war und in dieser Eigenschaft für zahlreiche eigentlich unabhängige Zeitungen berichtete. („Der dreifache Skandal“, S. 121).

Der ehemalige Justizminister des Landes NRW, Dr. jur. Dr. rer. pol. Joseph Neuberger (SPD), dessen Anwaltssozietät einen der Grünenthalverantwortlichen vertrat, wurde in seiner Eigenschaft als oberster Dienstherr der Staatsanwaltschaft während des Strafprozesses zugunsten Grünenthals tätig und nahm maßgeblich Einfluß auf das Verfahren.

Am 242. Verhandlungstag des Conterganstrafprozesses mußten die Vertreter der Nebenkläger gegen den beisitzenden Richter, dem Landgerichtsdirektor Melster, einen Befangenheitsantrag stellen, weil dieser bei einem heimlichen Gespräch mit einem Verteidiger der Grünenthalverantwortlichen gesehen wurde. Als sich auch die Staatsanwaltschaft außerstande sah, dem Ablehnungsantrag entgegenzutreten, erklärte sich der betreffende Richter selbst für befangen und schied so aus dem Verfahren aus.

Auch auf die Schöffen wurde massiv Einfluss genommen. Ein Schöffe ließ sich von Grünenthal Medikamente schenken. Ein anderer konnte sich darüber freuen, dass sein Enkelkind eine Lehrstelle gefunden hatte - bei Grünenthal („Der dreifache Skandal“, S. 125).

Mit der Benennung von immer neuen Experten und Gutachtern wurde das Verfahren künstlich in die Länge gezogen. Die Opfer wurden systematisch als Täter dargestellt. Hatten sie einen Abtreibungsversuch? Wie viele Medikamente nehmen sie? War das missgebildet zu Welt gekommene Kind ein Wunschkind? Gab es Erbkrankheiten in ihrer Familie? Wie viel Alkohol trinken sie? Rauchen sie? Wie lange sitzen Sie vor dem Fernseher? Gab es Streit zwischen ihnen und ihrem Mann? Könnte der Fötus während der Schwangerschaft verletzt worden sein? Diese und härte Frage wurden von der Verteidigung der Angeklagten gestellt. („Der dreifache Skandal“, S. 129).

So ist es kein Wunder, daß am 18. Dezember 1970 gemäß § 153 StPO wegen Geringfügigkeit eingestellt wurde.

In seinem Einstellungsbeschluß stellte das Gericht die Kausalität zwischen der Conterganeinnahme (bzw. Thalidomideinnahme) und die Nervenschäden und Mißbildungen fest. Festgestellt wurde auch, dass die Angeklagten schuldhaft gehandelt haben. Die Schuld sei jedoch insgesamt als gering zu bewerten.


Nutzen Sie unseren Newsletter

Wenn Sie etwas über aktuelle Ereignisse erfahren wollen, können Sie sich hier für unseren kostenlosen Newsletter anmelden.

Schnellkontakt

BCG
Bund Contergangeschädigter
und Grünenthalopfer e.V.
c/o Herr Andreas Meyer
Dohmengasse 7
50829 Köln

Mo - Do von 12 - 17 Uhr

Telefon:
+49 (0)172 / 2905974

Telefax:
+49 (0)221 / 9505102

Kontakt